In den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum steht mit Orlando eine Bühnenfassung nach Virginia Woolf auf dem Spielplan: ein rasanter Theaterabend über Identität, Zeit, Geschlecht und das sehr praktische Problem, in welchem Körper man eigentlich gerade steckt und was die Umgebung daraus macht.
Quelle: Jörg Brüggemann / Ostkreuz (via Schauspielhaus Bochum) | All Rights ReservedWer Virginia Woolfs Roman kennt, merkt schnell, dass das hier nicht eine schlichte Nacherzählung ist. Das hat man aber vermutlich auch nicht erwartet. Hier dominieren Tempo, Verwandlung und eine gewisse Überspitzung gegenüber der Werktreue. Der Abend nimmt die große Idee des Textes ernst, bleibt in der Form aber bewusst überdreht: als Spiel- und Spiegelkabinett, das permanent Identitäten wechselt, Masken ablegt, neue aufsetzt und an der einen oder anderen Stelle – insbesondere wenn es um Gags geht – das ganze modernisiert.
À propos zum einleitenden Satz: “Wer Virginia Woolfs Roman kennt…“ – es ist absolut nicht verkehrt, wenn man etwas Vorwissen zum Roman „Orlando“ von Virginia Woolf hat, denn das erleichtert einem das Verständnis dann doch.
Wenn man sich auf dieses Prinzip dieser Variante von Orlando einlässt, dann funktioniert es gut. Nicht alles ist Szene, vieles ist Kommentar, Pose, Gegenbild. Das Stück wirkt wie eine Revue, die sich aus Literatur, Pop, Parodie und echtem Ernst zusammensetzt – und wo dann auch ernsthaft (oder nicht?) nach dem soziokulturellen Kontext gefragt wird.
Konzept und Inszenierung
Martin Laberenz inszeniert Orlando als wechselwütiges Theaterlabor. Figuren kippen in neue Rollen, Zeiten springen, Haltungen drehen sich um. Das kann bewusst überladen wirken – ist aber Teil des Konzepts. Der Abend arbeitet eher mit Schlaglichtern als mit psychologischer Vertiefung. Dafür gibt es eine klare Linie: Alles bleibt in Bewegung, nichts darf stabil werden.
Quelle: Jörg Brüggemann / Ostkreuz (via Schauspielhaus Bochum) | All Rights ReservedDer Abend hat Humor, manchmal Klamauk, oft Überzeichnung. Das trifft nicht jeden Geschmack – aber die Inszenierung will vermutlich auch gar nicht gefällig sein. Sie arbeitet mit der Idee, dass Identität eben nicht feierlich verhandelt wird, sondern im Alltag, in Blicken, Zuschreibungen, Begehrlichkeiten und Rollenbildern permanent durcheinandergerät.
Quelle: Jörg Brüggemann / Ostkreuz (via Schauspielhaus Bochum) | All Rights ReservedEnsemble
Der größte Pluspunkt des Abends ist das Ensemble des dritten Jahrgangs der Folkwang Universität der Künste. Wer sie im vergangenen Sommer beim Shakespeare-Sommertheater im Schlosspark (mit “Romeo & Julia“) erlebt hat, der wundert sich nicht, sondern hat einen positiven Wiedererkennungswert. Der Jahrgang, der 2027 seinen Abschluss feiern will, ist jung, energiegeladen und dennoch bereits hoch professionell: präzises Timing, hohe körperliche Präsenz, Mut zur Überzeichnung – und gleichzeitig spürbare Kontrolle.
Gerade weil die Inszenierung schnelle Wechsel verlangt, braucht es ein Ensemble, das in Sekunden Haltung, Status und Ton ändern kann. Das gelingt beeindruckend gut. Besonders auffällig ist das geschlossene Spiel: die Übergänge funktionieren und das Tempo bleibt gemeinsam.
Quelle: Jörg Brüggemann / Ostkreuz (via Schauspielhaus Bochum) | All Rights ReservedDabei gibt es nicht die eine oder die andere Person, durch die das Stück dominiert wird, denn selbst die titelgebende Hauptrolle Orlando wird von mehreren Personen des Ensembles dargestellt. Anfangs verwirrend, nachher als Stilelement schon fast erwartbar, wobei sich dann die Frage stellte, warum eigentlich nicht alle mal Orlando waren?
Kostüm und Erscheinungsbild
Das Stück wird nicht nur vom Ensemble getragen, sondern ganz wesentlich auch von der Kostümierung. Gerade weil es ständig um Rollen, Zuschreibungen und Verwandlung geht, sind die Kostüme hier kein Beiwerk, sondern zentraler Teil der Erzählung. Allein schon um die Jahrhunderte abzugrenzen – und so wechselt das Stück von Tudor-Stil in England bis zur aktuellen westlichen Streetwear.
Adriana Braga Peretzki (Kostüm) leistet hier eine hervorragende Arbeit. Die Kostüme sind pompös, verspielt, auffällig, manchmal bewusst „zu viel“ – und gerade dadurch präzise. Sie machen sichtbar, wie Identität in dieser Inszenierung entsteht: als Oberfläche, als Haltung, als Signal an andere.
Quelle: Jörg Brüggemann / Ostkreuz (via Schauspielhaus Bochum) | All Rights ReservedWirkung und Einordnung
Orlando ist keine feine Literaturillustration, sondern ein bewusst überzeichneter Theaterabend: laut, schnell, wechselhaft, manchmal albern.
Wer einen ruhigen, „schönen“ Theaterabend sucht, wird hier eher nicht fündig. Was aber auch schon im ursprünglichen Werk selbst steckt. Wer sich aber auf Tempo, Verwandlung und starke Bilder einlässt, erlebt einen Abend, der in seiner Überfülle auch etwas sehr Zeitgemäßes hat.
Meine Meinung zu „Orlando“

Jens Matheuszik
Auch wenn es vielleicht mal den einen oder anderen Moment gab, wo man sich gerade fragte, wo ist man gerade in der Geschichte und wer ist gerade Orlando, war es doch ein sehr unterhaltsamer Abend. Die Grundidee, dass die persönliche Identität durch den Status, die Macht aber auch Kleidung, Blicke usw. geprägt wird, die wird hier sehr gut dargestellt. Die Gags sind mannigfaltig, wirken aber meiner Meinung nach gar nicht übertrieben oder unpassend. Manche wirken erst durch diese junge Inszenierung und das junge Alter des Ensembles witzig oder gar aberwitzig. Wenn beispielsweise sehr deutlich die Vorzüge Russlands geschildert werden und dann nachher die Rede von einem Haus ist, in dem alle möglichen Waren zu finden und zu kaufen sind: als wäre Amazon in einem einzigen Haus…
Ja, der Abend ist üppig. Manchmal wirkt es, als würden sich insbesondere die Gags gerne selbst permanent überholen, was natürlich auch zu vielen Lachern im Publikum führt. Aber getragen wird das Ganze von einem Ensemble, das richtig was kann – und von Kostümen, die nicht nur gut aussehen, sondern das Thema auf den Punkt bringen.
Es zeigt sich auch diesmal, dass es gut ist, dass Schauspielnachwuchs vor Ort nicht nur beim Sommertheater das Können zeigen kann. Leider habe ich gerade nur die Besprechungen zu zwei anderen Jahrgängen parat: 2022 (Absolute Besuchsempfehlung: „Ein Sommernachtstraum“ im Schlosspark Bochum-Weitmar) und 2023 (Macbeth von Shakespeare im Folkwang-Sommertheater (Schlosspark Bochum-Weitmar): absolut zu empfehlen!).
Unterm Strich: ein wuchtiger, sehr gespielter, sehr gekleideter, sehr bewegter Abend – und ein starkes Ausrufezeichen für den Folkwang-Jahrgang, der 2027 seinen Abschluss feiern soll!
Quelle: Jörg Brüggemann / Ostkreuz (via Schauspielhaus Bochum) | All Rights ReservedWas andere zu Orlando schreiben
- Nachtkritik: „Schubkarre voll Papier“
- Rheinische Post: Im Höllentempo durch die Jahrhunderte
- Westfälischer Anzeiger: Zehn Studierende feiern Orlando als Fest der Verwandlung
- WAZ: „Enttäuschend: ‚Orlando‘ im Schauspielhaus Bochum versinkt in 1000 platten Gags“
Orlando: Informationen zum Stück
Orlando
nach Virginia Woolf
in einer Übersetzung von Melanie Walz
Eine Koproduktion mit der Folkwang Universität der Künste
Mit Leona Bert, Leo Domogalski, Olga Matus, Nils Miekisch, Mika, Carlos Motolese-Trausan, Carla Njine, Emil Schüler, Pauline Stine Steger, Felina Zenner
Regie Martin Laberenz
Bühne Oliver Helf
Kostüm Adriana Braga Peretzki
Kostümmitarbeit Alexis Mersmann
Lichtdesign Sirko Lamprecht
Dramaturgie Moritz Hannemann
Regieassistenz Christian Feras Kaddoura, Tinka Bitzel
Bühnenbildassistenz Carolin Vogl
Kostümassistenz Stina-Marie Wagner
Regiehospitanz Lamees Kanmaz
Kostümhospitanz Theresa Duttweiler, Finja Brunow
Soufflage Tanja Grix
Inspizienz Jonas Kissel
Premiere 20. Dezember 2025, Kammerspiele
Dauer ca. zwei Stunden
Weitere Aufführungen
Dienstag, 6. Januar, 19.30 Uhr (10 €-Tag)
Samstag, 17. Januar, 19.30 Uhr
Donnerstag, 5. Februar, 19.30 Uhr (+ Einführung 19 Uhr)
Dienstag, 24. Februar, 19.30 Uhr






