RUB-Studie: Politik unterschätzt Rückhalt für Klimaschutz deutlich
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RUB-Studie: Politik unterschätzt Rückhalt für Klimaschutz deutlich

Zusammenfassung

Eine Studie zeigt: Viele Politiker halten Maßnahmen für den Klimaschutz für unpopulärer, als sie tatsächlich in der Bevölkerung sind.

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Eine neue Studie mit Beteiligung der Ruhr-Universität Bochum kommt zu einem klaren Ergebnis: Viele politische Entscheidungsträger unterschätzen offenbar deutlich, wie groß die Unterstützung für Klimaschutz in der Bevölkerung tatsächlich ist.

Thermometer (Symbolbild)Quelle: Pixabay
Thermometer (Symbolbild)

Die Untersuchung wurde von Prof. Dr. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit PD Dr. Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg durchgeführt. Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal „Communications Earth & Environment“. Sie gehört nach Angaben der Forschenden zu den bislang größten Untersuchungen weltweit zu der Frage, wie politische Entscheidungsträger die öffentliche Meinung zum Klimaschutz einschätzen.

Für die Studie wurden im Herbst 2024 mehr als 6.000 aktive Politikerinnen und Politiker über dienstliche E-Mail-Adressen kontaktiert. Rund 1.600 Personen beziehungsweise politische Büros nahmen teil. Vertreten waren verschiedene politische Ebenen, darunter Bundestag, Landtage, Kreistage, Gemeinderäte und Stadträte. Diese Einschätzungen wurden anschließend mit den tatsächlichen Einstellungen von mehr als 2.000 Bürgerinnen und Bürgern aus zwei unabhängigen repräsentativen Bevölkerungsbefragungen verglichen.

Das Ergebnis ist deutlich: Die Bevölkerung steht Klimaschutzmaßnahmen positiver gegenüber, als viele Politiker annehmen. Besonders groß ist die Lücke ausgerechnet bei Maßnahmen, die wissenschaftlich als besonders wirksam gelten.

Tatsächliche und wahrgenommene Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen im Vergleich: Die tatsächliche Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung (dunkelblau) liegt durchweg über den Schätzungen der Bevölkerung selbst (hellblau) und insbesondere über den Einschätzungen von Politikern (orange).Quelle: Timur Sevincer, Luisa Hostlowsky, Fenja Styhler, Wilhelm Hofmann/Ruhr-Universität Bochum | All Rights Reserved
Tatsächliche und wahrgenommene Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen im Vergleich: Die tatsächliche Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung (dunkelblau) liegt durchweg über den Schätzungen der Bevölkerung selbst (hellblau) und insbesondere über den Einschätzungen von Politikern (orange).

Prof. Dr. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum fasst das so zusammen:

„Politiker unterschätzen die Zustimmung der Bevölkerung zu Klimaschutzmaßnahmen systematisch – und zwar besonders stark bei den Maßnahmen, die nach wissenschaftlichem Kenntnisstand am wirksamsten sind.“

Besonders auffällig ist der Unterschied bei der Frage, ob Menschen bereit wären, selbst finanziell zum Klimaschutz beizutragen. Politiker schätzten, dass nur rund 18 Prozent der Bevölkerung bereit wären, monatlich ein Prozent ihres Einkommens für wirksameren Klimaschutz aufzuwenden. Tatsächlich lag dieser Anteil in der Untersuchung bei rund 48 Prozent. Anders gesagt: Fast jede zweite befragte Person wäre dazu bereit. Viele politische Entscheidungsträger gehen aber offenbar davon aus, dass nicht einmal jede fünfte Person diesen Schritt mittragen würde.

Auch die Unterstützung für wirksame Klimagesetze wurde deutlich unterschätzt. Während Informationskampagnen teilweise sogar eher überschätzt wurden, lagen Politiker bei Gesetzen, Regulierungen und finanziellen Beiträgen besonders klar daneben.

Timur Sevincer erklärt dazu:

„Unsere Daten legen nahe, dass politische Entscheidungsträger die gesellschaftliche Unterstützung für wirksame Klimapolitik teilweise erheblich unterschätzen.“

Der Anhang zur Studie ordnet das Ergebnis unter dem Begriff der „pluralistischen Ignoranz“ ein. Gemeint ist damit ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen die Einstellungen anderer systematisch falsch einschätzen. Eine Mehrheit kann eine bestimmte Position teilen, während viele Einzelne glauben, mit dieser Haltung eher allein zu sein. Im Ergebnis kann eine Position schwächer wirken, als sie tatsächlich ist.

Bemerkenswert ist dabei: Nicht nur Politiker unterschätzen die Unterstützung für Klimaschutz. Auch Bürgerinnen und Bürger selbst schätzen den Rückhalt in der Bevölkerung niedriger ein, als er laut Studie tatsächlich ist. Die Fehleinschätzung der Politiker fiel nach Angaben der Forschenden aber noch stärker aus.

Die Wahrnehmungslücke zeigte sich über nahezu das gesamte politische Spektrum hinweg. Linke Parteien unterschätzten die Zustimmung zwar etwas weniger stark als konservative oder rechte Parteien. Der zentrale Befund blieb aber parteiübergreifend bestehen.

Hofmann sagt dazu:

„Der Befund beschränkt sich nicht auf einzelne Parteien. Die Unterschätzung der öffentlichen Unterstützung für wirksame Klimapolitik ist ein bemerkenswert breites Phänomen.“

Für die Klimapolitik kann das relevant sein. Denn politische Entscheidungen entstehen nicht nur aus den eigenen Überzeugungen von Mandatsträgern, sondern auch aus deren Einschätzung, was in der Bevölkerung durchsetzbar ist. Wenn diese Einschätzung verzerrt ist, kann ambitioniertere Klimapolitik politisch riskanter erscheinen, als sie tatsächlich wäre.

Die Studie ist allerdings kein Freifahrtschein für jede beliebige Klimaschutzmaßnahme. Sie zeigt nicht, dass jede konkrete Maßnahme automatisch akzeptiert würde. Sie zeigt aber, dass die tatsächliche Bereitschaft zur Unterstützung wirksamer Klimapolitik offenbar deutlich höher ist, als viele politische Entscheidungsträger vermuten.

Sevincer bringt die mögliche Folge auf den Punkt:

„Die größte Hürde für manche Klimaschutzmaßnahmen könnte nicht mangelnde Zustimmung sein. Die größere Hürde könnte die falsche Annahme sein, dass diese Zustimmung fehlt.“

Methodisch stützt sich die Untersuchung auf eine ungewöhnlich große politische Stichprobe und zwei unabhängige repräsentative Bevölkerungsstichproben. Außerdem wurde die Studie nach Open-Science-Prinzipien durchgeführt: Hypothesen und Analysen wurden vorab dokumentiert, Daten und Auswertungsmaterialien sind öffentlich nachvollziehbar. Vor der Veröffentlichung wurde die Arbeit zudem in einem Peer-Review-Verfahren begutachtet.

Für Bochum ist die Studie auch deshalb interessant, weil mit der Ruhr-Universität Bochum ein lokaler Forschungsstandort an einer Debatte beteiligt ist, die bundespolitisch hoch relevant bleibt: Wie viel Klimaschutz ist der Bevölkerung zuzumuten? Die Antwort der Studie fällt nüchtern aus: offenbar mehr, als viele Politiker glauben.

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