Im Schauspielhaus Bochum ist mit Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten ein Stück von Tiago Rodrigues in deutscher Erstaufführung zu sehen: an diesem Premierenabend geht es dabei um Widerstand, Gewalt als Ritual und die Frage, was eine Demokratie aushalten muss.
Quelle: Armin Smailovic/Schauspielhaus Bochum | All Rights ReservedWorum geht es bei „Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten“?
1954, im diktatorisch klerikal-faschistisch regierten Portugal unter Salazar wird die Landarbeiterin Catarina Eufémia brutal umgebracht. Das Stück entwickelt sich von diesem Faktum zum Leben bzw. eher zum Tod der portugiesischen Nationalheldin (die bei einer landesweiten Abstimmung um die „Größten Portugiesen aller Zeiten“ auf den 46. Platz gewählt wurde – während Salazar auf Platz 1 landete) aus.
Denn, so die Prämisse im Stück, damals hat eine Freundin (die spätere Großmutter der Familie) von Catarina sich gerächt. Und hat einen der Faschisten, der dazu beigetragen hat, dass Catarina brutal ermordet wurde, selber ermordet: ihren eigenen Mann und Vater ihrer Kinder…
Seitdem ist es guter Brauch in der Familie, dass man sich im ehemaligen Landhaus der Großmutter trifft. Zu einer Art Ritual: Familientreffen mit traditionellem Essen und nach dem Dessert wird ein Faschist umgebracht.
Quelle: Armin Smailovic/Schauspielhaus Bochum | All Rights ReservedSo auch dieses Jahr, doch jetzt ist es anders. Die Faschisten stellen den Ministerpräsienten von Portugal, die Christdemokraten stehen kurz davor mit ihnen gemeinsam die Verfassung zu ändern – um mehr restriktive Maßnahmen durchsetzen und beispielsweise die Gewerkschaften verbieten zu können. Somit gibt es eine gewisse „Brisanz“ bei diesem Treffen. Es stellt sich dann im Laufe des Stücks heraus, dass der „aktuelle“ Faschist namens Romeu, den man in diesem Jahr töten möchte, ein enger Berater des Ministerpräsidenten ist und als geistiger Kopf hinter dessen Forderungen und Thesen gilt.
Doch bevor man sich dem alljährlichen Ritual widmen kann, geht es um typisch familiäre Aspekte. Die einen leben nicht so wie die anderen und so kommt es beispielsweise zu einem durchaus amüsanten Streit um das Essen. Zu Zeiten der Großmutter waren die Schweinsfüße (mit Koriander!) die traditionelle Speise, die auch jetzt, über 70 Jahre später, noch aufgetischt werden. Aber ein Mitglied der Familie, nennen wir sie mal aus Gründen Catarina, ist inzwischen nicht nur Vegetarierin, sondern sogar Veganerin. Da kann man sich vorstellen, wie es da einige Wortduelle zu gibt. Da ist man auch leicht am Schmunzeln.
Übrigens: Im Hinblick auf die Tradition nennen sich alle Familienmitglieder Catarina und tragen auch entsprechend vermutlich historisch passende Röcke um auch bildlich darzustellen, dass alle Familienmitglieder eben Catarina sind.
Quelle: Armin Smailovic/Schauspielhaus Bochum | All Rights Reserved
Doch in diesem Jahr ist es anders: denn die jüngste Tochter, die jetzt zum ersten Mal „dran“ wäre, hat Zweifel. Ist ein Mord an einem Faschisten wirklich richtig? Ist es das, was ihre Großmutter wollte?
Und in Folge stellt sich dann beispielsweise ihre Mutter die Frage, ob sie ihre Tochter überhaupt richtig erzogen habe, denn natürlich müsse man auch mal was an sich böses tun, um gutes zu erwirken.
Konzept und Inszenierung
Was als erstes auffällt ist das Bühnenbild (siehe Bild ganz oben).
Auf der großen Bühne wirkt es erst so als ob eine Art Würfel drauf platziert wurde und dass die ganzen Schauspieler nur „im“ Würfel agieren würden. Doch es ist kein Würfel, sondern eine geschickte Konstruktion. Von der kann man einzelne Teile wegklappen, so dass sich räumlich gesehen immer neue Situationen bilden. Das erinnert tatsächlich nicht an Rubiks Zauberwürfel, sondern eher an Rubik’s Magic, wo plötzlich auch Dinge weit voneinander entfernt sind, die erst beisammen waren. So stehen – siehe Bild oben – anfangs die beiden Tische nebeneinander. Hier in dieser Situation sichtbar nicht mehr.
Gut ist es – insbesondere für das Publikum – dass die ursprünglich starr (fast wie ein Gefängnis wirkende) Konstruktion sich im Laufe des Stücks öffnet und man dann auch mehr vom Ensemble zu sehen und zu erkennen ist.
Quelle: Armin Smailovic/Schauspielhaus Bochum | All Rights ReservedDie deutschsprachige Erstaufführung scheint zu versuchen die Fehler der anderen Inszenierungen zu korrigieren. Ein Problem dabei ist die Länge, doch mit insgesamt rund 100 Minuten wurde diese Fassung gegenüber vorherigen deutlich gestrafft, was sicherlich positiv zu bewerten ist.
Denn im Grunde genommen ist die grundsätzliche Frage – oder im Stück gesprochen: das grundsätzliche Dilemma – altbekannt: denn da geht es um nichts anderes als den Tyrannenmord. Das wurde schon in der griechischen Antike, bei den Römern usw. diskutiert. In diesem Stück wird diese Frage halt in einer Familie diskutiert – nachdem man über 70 Mal schon Faschisten getötet haben, die sich etwas zuschulden haben kommen lassen. Womit in der Logik der Tradition der Familie das Ganze gerechtfertigt ist. Aber die jüngste Generation sieht das anders bzw. hinterfragt das alles.
Das Ensemble
Die einzelnen Charaktere sind unterschiedlich ausgeprägt worden. Während natürlich „die jüngste Catarina“ (dargestellt von Mona Vojacek Koper), die ihre Zweifel deutlich formuliert, stark ausgearbeitet ist und zu großen Teilen durch ihr Spiel das Stück trägt, tauchen andere Charaktere deutlich weniger auf. Zwei Ausnahmen sollte man aber explizit noch nennen: der von Rainer Bock gespielte Vater, der so etwas wie der ruhende Pol darstellt, aber gleichzeitig auch mit seinem Schicksal hadert. Und dessen Sohn (dargestellt von Alexander Wertmann), der im Stück selber eigentlich eher schweigsam ist (und Musik auf seinen Marshall-Kopfhörern (?) hört), aber der seine grundsätzlichen Gedanken mit dem Publikum teilt. Ob zu konkreten Szenen oder aber – wie am Anfang des Stücks – zu allgemeinen philosophischen Fragen und somit quasi den roten Faden webt, der durch das ganze Stück führt.
Das soll aber nicht die Leistungen der anderen schwächen: Eine „junge Catarina“ braucht die „Mutter Catarina“ (Elsie de Brauw) als Gegenpart, die jüngeren männlichen „Bruder-Catarinas“ (dargestellt von Felix Knopp und Konstantin Bühler) haben auch ihre Funktion, wobei gerade letzterer versucht dem Faschisten eine Falle zu stellen und diesen auszutricksen.
Explizit erwähnt gehört aber Ole Lagerpusch, der den Faschisten Romeu spielt. Und das so gut, dass sich die Premiere vermutlich anders darstellte, als ursprünglich von den Verantwortlichen gedacht. Mehr dazu im folgenden Abschnitt.
Erwartbarer(?) Eklat bei der Premiere
Es folgt jetzt ein Vorgriff auf das Ende des Stücks. Wer noch vor hat „Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten“ zu sehen und sich überraschen zu lassen, der sollte am besten nicht weiterlesen. Dann erfährt man aber auch nichts von dem Eklat bei der Premiere des Stücks am 14.02.2026.
Zum Ende des Stücks wird es dunkel. Es fallen Schüsse. Mehr als zu erwarten waren. Und plötzlich schwenkt das Bild um und man sieht auf dem Retro-Fernseher in der Kulisse tatsächlich ein Bild. Vorher flimmerte da nur etwas, was zu 90 % das klassische Rauschen eines Fernsehers ohne Empfang war. Doch jetzt sieh man Romeu (den Faschisten) vor einem grünen Hintergrund (Greenscreen).

Und dann dreht sich die Bühnenkonstruktion. Man sieht plötzlich, dass dieser Greenscreen aus dem Fernseher tatsächlich ein Teil der Konstruktion ist. Und da steht nun Romeu. Ganz lebendig und augenscheinlich nicht erschossen. Sein erstes Erscheinen sorgt für die Fragen, was eigentlich passiert war? Wer schoss? Wer wurde erschossen? Wurde der Faschist etwa befreit oder freigelassen?
Doch mit diesen Fragen beschäftigt man sich nicht lange, denn Romeu richtet sich weiter mit seinem Monolog an – ja an wen eigentlich? An die Kamera vor sich? Oder direkt an das Publikum im großen Haus des Schauspielhauses? Diese Frage beantwortet sich innerhalb kürzester Zeit, denn die sogenannte vierte Wand wird jetzt durchbrochen.
Unerträglicher Monolog, der einigen zu glaubwürdig gilt
Es fangt erst vermeintlich harmlos an, wenn über die fleißigen Mehrheit des Volkes gesprochen wird, die von einer Minderheit quasi unterdrückt wird. Doch mit jedem weiteren Satz wird klar, dass dies ein Vortrag ist, der mit Ideologie getränkt ist. Man kann sich mit geschlossenen Augen vorstellen, wie bestimmte Politiker des rechten Randes aus Deutschland, aber auch aus anderen Ländern, genau sowas sagen würden (nur vermutlich nicht so eloquent von der Sprache und Sprechweise her!).
Es dauerte bei der gestrigen Premiere nicht lange, bis es die ersten Unmutsbekundungen im Publikum gab. Niemanden muss alles auf der Bühne gefallen und tatsächlich kann auch Kritik dazu gehören. Das demonstrative Verlassen des Saales ist das eine, Rufe nach „Aufhören! Aufhören!“ oder Pfiffe das andere. Alles grundsätzlich natürlich legitime Möglichkeiten. Jedoch hat – und ganz neutral vom Blickwinkel des Schauspiels betrachtet – Ole Lagerpusch da wirklich eine schauspielerisch gute Leistung abgegeben. Doch genau damit triggert er anscheinend Teile des Premierenpublikums. Zu denen vermutlich auch einige gehören, die just an diesem Abend für ein AfD-Verbot Stimmen gesammelt haben (was, und das man das schreiben muss ist auch schon irgendwie traurig, natürlich ein mehr als gerechtfertigtes Anliegen ist!).
Nach den Pfiffen und Buhrufen passiert es plötzlich ganz schnell: ein erster Besucher stürmt auf die Bühne. In diesem Moment fragt man sich noch, ob es Teil der Inszenierung ist, aber schnell wird klar – da ist schon ein zweiter Mann auf der Bühne, wo er nicht hingehört – dass es sich vermutlich nicht um eine Inszenierung handelt. Tatsächlich versuchen sie dem Schauspieler (!), der gerade ein Teil des Theaterstückes (!!) wiedergibt, genau daran zu hindern (!!!). Oder aber: weil er seine Arbeit macht. So gut, dass es augenscheinlich Einzelnen zu glaubwürdig wirkt. Unter anderem mithilfe von anderen Mitgliedern des Ensembles werden diese beiden Männer zurückgedrängt.
Doch es geht weiter, denn noch während der – inhaltlich natürlich – unerträgliche Monolog weiter geht, wirft eine Zuschauerin irgendeine Frucht (augenscheinlich eine Orange – was man so halt im Innenraum des Theaters mit sich führt…), trifft ihn aber nicht. Er kann dann seinen Monolog mit dem Schluss “Die Zukunft gehört uns.“ beenden und von der Bühne weitestgehend unversehrt abtreten.
Was Ole Lagerpusch da geleistet hat, kann man vom Standpunkt der Schauspielkunst nicht hoch genug bewerten: er hat genau aufgezeigt, wie Agitation wirkt. Er hat es geschafft, dass seine Darbietung als so realistisch angesehen wurde, dass sich einige dazu berufen fühlten, eingreifen zu müssen.
Danach erst dann tritt Angela Obst, die stellvertretende Intendantin des Schauspielhauses auf die Bühne. Sie freut sich zwar, dass Bochum stabil sei, muss jedoch augenscheinlich Teilen des Publikums erklären, dass es hier keinen politischen Auftritt gab, sondern dass wir uns hier im Theater befinden. Und dass man doch bitte den Schauspieler für seine künstlerische Arbeit nicht angreifen dürfe. Auch bittet sie etwaige Videoaufnahmen, die man von dem Monolog gemacht haben könnte (das eine oder andere Smartphone blinkte in dieser verrückten Viertelstunde auf), nicht zu veröffentlichen, damit dem Schauspieler nicht geschadet wird.
Damit hat sie natürlich vollkommen recht. Es stellt sich jedoch tatsächlich die Frage, wie man auf die Idee kommen kann, so zu reagieren. Wenn man mit dem Stück nicht einverstanden ist, kann man den Saal auch verlassen (wie einige es gemacht haben). Die Unmutsbekundungen sind vielleicht auch noch okay, wobei sich da grundsätzlich die Frage stellt, ob es so schwer ist zwischen der realen und der Theaterwelt zu unterscheiden. Oder stehen die Leute auch bei einem Film mit Nazis im Kino auf und skandieren da – die sicherlich absolut zutreffende – Ablehnung? Und auch wenn es jetzt vermutlich nicht das erste Mal war, dass Obst auf eine Bühne in der langen Geschichte der Theaterwelt geworfen wurde – aber nichtsdestotrotz geht das gar nicht.

Nach den klärenden Worten, die man sich vielleicht einen Augenblick früher gewünscht hätte (so spätestens zwischen „Sturm auf die Bühne“ und dem „verfehlten Orangenwurf“), geht es damit weiter, womit eigentlich ein jedes Stück endet: dem Applaus für das Stück, für die dargebotenen Leistungen auf und hinter der Bühne. Das setzt auch hier an, jedoch merkt man, wie das Publikum zum Teil sehr unterschiedlicher Meinung ist, wie das ganze zu beurteilen ist.
Meine Meinung zu „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“

Jens Matheuszik
Persönlich glaube ich, dass man zu dem Stück selbst gar nicht so viel sagen muss. Die Dialoge sind gut ausgearbeitet, es gelingt bei dem ernsten Thema auch den einen oder anderen lustigen Moment einzubauen, ohne dass es zu übertrieben wirkt. Nichtsdestotrotz ist es – auch bei aller Rafinesse der Bühnentechnik – vor allem mit dem Tyranenmord ein lange bekanntes Thema, welches hier auf die familiäre Ebene gezogen wird. Und dort vor allem zu einem Generationkonflikt wird. Die Grundthematik an sich ist nichts neues und ist sogar Teil der Verfassungsgeschichte unseres Landes geworden – denn wer bei der Premiere eines der am Ausgang angebotenen Grundgesetze mitnimmt, findet in Artikel 20, Absatz 4 GG das geltende Verfassungsrecht dazu.
Worüber jedoch zu reden sein muss – das ist die Reaktion von Teilen des Publikums. Es gab im Schauspielhaus Bochum schon Vorführungen, die für Aufsehen sorgten (man erinnere sich an „Die Philosophie im Boudoir“, basierend auf den Texten des französischen Adligen Marquis de Sade). Das hier in dieser Form an diesem Samstagabend haben jedoch viele, die in dieser Premiere waren, in den letzten Jahrzehnten so nicht erlebt.
Jedoch war den Verantwortlichen bekannt, dass die bisherigen Aufführungen vor Ort auch immer wieder zu bestimmten Reaktionen geführt haben. Insofern war man da vermutlich nicht ganz so überrascht, wie es nachher wirkte. Jedoch kann doch ehrlicherweise niemand davon ausgehen, dass plötzlich die Bühne gestürmt wird und ein Schauspieler drangsaliert wird!
Insofern ist es schwierig ein Fazit zu ziehen. Klar, zum Stück geht es – aber was das ganze eher fassungslos macht ist das, was da am Ende passiert ist. Und ja, es gab erste Überlegungen noch im Saal des großen Hauses, wo einzelne sich äußerten, ob das ganze nicht einfach nur ein inszenierter Skandal sei. Das Schauspieler sich im Publikum befinden wäre ja auch nicht so die Neuigkeit. Persönlich glaube ich das aber nicht, auch wenn ich es ehrlich gesagt lieber glauben würde, wenn es so wäre. Denn der Gedanke, dass das wirklich aus dem Publikum kam, das ist dann doch irgendwie verstörend.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Worte, die ich kürzlich sinngemäß den Vertretern einer als gesichert rechtsextremistisch gesagt habe, dass Kunst auch irritiert und provoziert und das zum Wesen der Kunst gehört – dass ich diese Worte hier auch erwähnen muss.
Was andere zu „Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten“ schreiben
- Deutschlandfunk Kultur
- Nachtkritik: Nicht auszuhalten!
- WAZ: Zuschauer stürmen wütend die Bühne: Premiere im Schauspielhaus Bochum eskaliert
- DerWesten: Theater-Vorstellung in Bochum eskaliert: Zuschauer wollen Hauptdarsteller von der Bühne zerren
„Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten“: Informationen zum Stück
Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten
von Tiago Rodrigues
Deutsch von Niki Graça
Deutsche Erstaufführung
Mit Alexander Wertmann, Felix Knopp, Konstantin Bühler, Elsie de Brauw, Mona Vojacek Koper, Rainer Bock, Carla Richardsen, Ole Lagerpusch
Regie Mateja Koležnik
Bühne Raimund Orfeo Voigt
Kostüm Ana Savić-Gecan
Dramaturgie Dorothea Neweling
Premiere 14. Februar 2026
Dauer ca. 1 Stunde 45 Minuten
Weitere Informationen
https://www.schauspielhausbochum.de/de/stuecke/26901/catarina-oder-von-der-schoenheit-faschisten-zu-toeten






