In den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum steht mit RCE (#RemoteCodeExecution) eine Bühnenfassung nach dem gleichnamigen Roman von Sibylle Berg auf dem Spielplan: ein konzentrierter Theaterabend über Kapitalismus, Kontrollgesellschaft und die Idee, ein System von innen heraus neu zu starten.
Quelle: Armin Smailovic / Schauspielhaus Bochum | All Rights ReservedFünf Nerds in einem Container im Tessin in der Schweiz sind überzeugt, dass diese Gesellschaft einen Neustart braucht. Wer den Roman von Sibylle Berg kennt, merkt schnell, dass es sich hier nicht um eine schlichte Nacherzählung handelt. Das war allerdings auch nicht zu erwarten. Stattdessen wird der umfangreiche Stoff radikal verdichtet: Rund 700 Seiten Vorlage müssen auf etwa 90 Minuten Bühnenzeit zusammengefasst werden. Dass dabei Verluste entstehen, ist unvermeidlich.
Im Vergleich zu anderen Inszenierungen dieses Stoffes, die stark auf digitale Bildwelten, virtuelle Ästhetiken oder grelle Zukunftsoberflächen setzen, geht das Schauspielhaus Bochum einen anderen Weg. Die Bühne bleibt fast leer – eine Kiste, ein Schlagzeug, mehr nicht. Gerade diese Reduktion lenkt den Blick auf das Wesentliche: den Text, die Sprache und die Idee hinter dem Stück.
Konzept und Inszenierung
Regisseurin Lisa Nielebock entscheidet sich für einen minimalistischen Zugriff. Der Abend verzichtet weitgehend auf visuelle Effekte und theatrale Überwältigung. Stattdessen wird der Text in den Vordergrund gerückt. Das funktioniert, weil der Stoff selbst genügend Schärfe besitzt. Die Bühne wird so zum Denkraum, weniger zum Abbild einer futuristischen Welt.
Quelle: Armin Smailovic / Schauspielhaus Bochum | All Rights ReservedDiese Konzentration ist zugleich Stärke und Begrenzung. Die Verdichtung macht den Abend zugänglich, führt aber auch zu Brüchen. Übergänge wirken stellenweise hart, Argumentationslinien werden gerafft, manches bleibt Behauptung. Das erinnert an einen Systemeingriff, bei dem nicht alle Daten verlustfrei übernommen werden konnten.
Ensemble
Auf der Bühne steht eine durchweg starke Leistung. Alle Beteiligten tragen den Abend mit hoher sprachlicher Präsenz, Präzision und Tempo. Gerade bei einem derart textzentrierten und verdichteten Stoff ist das entscheidend – und gelingt hier überzeugend.
In der besuchten Vorstellung gab es einen kurzfristigen krankheitsbedingten Ausfall, der durch eine Vertretung aufgefangen wurde. Dass dabei stellenweise mit Textbuch gearbeitet werden musste, fällt zwar auf, ist aber nicht weiter störend. Angesichts der Situation ist das nicht nur verzeihlich, sondern zeigt vielmehr die Professionalität, mit der der Abend dennoch geschlossen und konzentriert gespielt wird.
Hervorzuheben ist an diesem Abend Konstantin Bühler, der nicht nur im Stück durch seine Präsenz überzeugt, sondern noch am selben Abend mit dem Bochumer Theaterpreis 2025 ausgezeichnet wurde, verliehen vom Freundeskreis des Schauspielhauses Bochum. Eine Ehrung, die in diesem Kontext gut nachvollziehbar ist.
Wirkung und Einordnung
Die zentrale Idee des Abends trägt: Ein bestimmter Code verändert das System von innen. Der Begriff „System“ bleibt dabei bewusst doppeldeutig – technisches Gefüge und gesellschaftliche Ordnung zugleich. Der Angriff gelingt, der Neustart wird gewagt. Diesmal versucht man es ohne Milliardäre. Ob es funktioniert, bleibt offen. Aber vorher wird erst einmal gefrühstückt.
Quelle: Armin Smailovic / Schauspielhaus BochumRCE ist kein Stück, das überwältigen will. Es ist ruhig, konzentriert und manchmal bewusst spröde. Wer spektakuläre Zukunftsbilder erwartet, wird hier eher nicht fündig. Wer sich jedoch für Sibylle Bergs Kapitalismuskritik und ihre lakonische Zuspitzung interessiert, findet einen Abend, der funktioniert – gerade durch seine Zurückhaltung.
Meine Meinung zu „RCE“

Jens Matheuszik
Wenn man sich von den gedanklichen Erwartungen an andere RCE-Inszenierungen löst, beginnt diese Aufführung zu überzeugen. Die Entscheidung für Minimalismus lenkt nicht ab, sondern schärft den Blick für den Text. Die Idee, ein System von innen heraus zu verändern, bleibt stark – auch wenn auf dem Weg dorthin zwangsläufig Daten verloren gehen. Besonders für diejenigen, die Sibylle Bergs kapitalismuskritische Trilogie mögen, ist diese Inszenierung sehenswert.
Was andere zu RCE schreiben
- halloherne.de: Lisa Nielebocks Minimalismus überzeugt
- WAZ: „Empörungs-Prosa in Listenform“
RCE: Informationen zum Stück
RCE (#RemoteCodeExecution)
nach dem Roman von Sibylle Berg
Mit Ben Oliver Möller, Mona Vojacek Koper, Danai Chatzipetrou, Konstantin Bühler, William Cooper
Regie Lisa Nielebock
Bühne Oliver Helf
Kostüm Sofia Dorazio Brockhausen
Lichtdesign Sirko Lamprecht
Choreographie Esther Murdock
Dramaturgie Lucien Strauch
Premiere 28. September 2025, Kammerspiele
Dauer ca. 90 Minuten
Weitere Informationen
Auf der Website des Schauspielhauses Bochum finden sich weitere Informationen sowie eine Audioeinführung zum Stück:
https://www.schauspielhausbochum.de/de/stuecke/26851/rce
Weitere Aufführungen
Dienstag, 13. Januar 2026
Freitag, 6. Februar 2026, 19:30–21:00 (10-Euro-Tag)
+ Einführung 19:00
Samstag, 28. Februar 2026, 19:30–21:00






